Diversität - Inklusion

Digitalisierung ist die beste Voraussetzung, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen

Menschen mit Behinderung können mit bestimmten Hilfsmitteln oft ähnlich leistungsfähig sein wie Nichtbehinderte. Sie zu beschäftigen, ist speziell für digitalisierte Unternehmen nicht sehr schwierig.

Domingos de Oliveira hat nach dem Studium über einhundert Bewerbungen verschickt, doch eine Anstellung hat er nicht bekommen. Er führt das auf seine Blindheit zurück. „Als blinder Mensch muss man eigentlich noch kompetenter sein als Sehende, um eine Chance zu bekommen“, sagt er. Über Umwege ist er 2008 zur Freiberuflichkeit gekommen – und seitdem erfolgreich als freier Online-Redakteur, Coach, Unternehmensberater und Experte für digitale und technische Barrierefreiheit tätig. Sein Online-Portal netz-barrierefrei.de gehört zu den umfassendsten deutschsprachigen Informationssammlungen zum Thema Barrierefreiheit. Würde Domingos de Oliveira nicht erwähnen, dass er blind ist, würde man es einfach nicht ahnen, auch nicht über den persönlichen Kontakt via E-Mail, Telefon und Zoom. Was für die einen wie eine Banalität klingt, ist für andere eine wichtige Informationen. Denn viele Unternehmen können sich nicht vorstellen, dass zum Beispiel blinde Menschen oder solche mit motorischen Einschränkungen überhaupt leistungsfähig sind und einer alltäglichen Arbeit nachgehen. Die Kulturwissenschaftlerin Isabell Rosenberg zum Beispiel sitzt im Rollstuhl, ist auf Assistenz angewiesen und kann nur einen Arm bewegen. Sie sagt: Bei ihrer Arbeit würde sie immer wieder gefragt, wie man „in einem solchen Zustand“ denn überhaupt arbeiten könne. Es geht. Und oft sogar sehr gut – mit entsprechenden Hilfsmitteln und Maßnahmen, die teilweise so einfach sind wie die Installation einer Software oder die Anschaffung einer speziellen Tastatur oder ergonomischer Büromöbel. In der Regel gilt: Je digitalisierter ein Unternehmen bereits ist, desto größer ist die Chance für Unternehmen, von der Arbeitskraft von Menschen mit Behinderung zu profitieren (siehe auch Artikel “Branchenreport: Je digitalisierter ein Unternehmen, desto eher beschäftigen sie Menschen mit Behinderung”). Die Erklärung dafür ist einfach: Digitale Systeme sind flexibel, und sie ermöglichen verschiedene Eingabe- und Ausgabeformate und das Arbeiten mit speziellen Interfaces.

Inklusion und Wirtschaftlichkeit passen zusammen

Der Verein Aktion Mensch listet in einem Positionspapier gleich zehn Gründe auf, warum Unternehmen in Erwägung ziehen könnten, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen. Unter anderem: Die Leistungsfähigkeit von behinderten Menschen wird oft unterschätzt. „Die zentrale Botschaft bleibt: Behinderung bedeutet nicht automatisch Leistungsminderung“, wird Peter Clever von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände zitiert. „Wirtschaftlichkeit und Inklusion schließen sich nicht aus.“ Wirtschaftlichkeit dank Inklusion liegt zum einen also an der Chance, Fachkräfte zu gewinnen. In Deutschland leben rund acht Millionen Menschen mit einer Schwerbehinderung. Zum anderen könnten sich Inklusion und Betriebserfolg auch dann positiv beeinflussen, wenn Unternehmen Inklusion als Antreiber für die Digitalisierung der Geschäftsprozesse betrachten. Dass stärker digitalisierte Unternehmen oft erfolgreicher sind, ist schon öfter belegt worden, zum Beispiel durch die repräsentative Studie „Digitalisierungsindex Mittelstand 2019/2020“ von Techconsult im Auftrag der Deutschen Telekom. Menschen mit Behinderungen auch mithilfe digitaler Lösungen zu beschäftigen, könnte am Ende also dem gesamten Unternehmenserfolg zugute kommen. Aber auch andersherum passen Digitalisierung und Inklusion zusammen: Unternehmen, die sowieso schon auf digitale Prozesse setzen, könnten erwägen, genau deshalb Menschen mit Behinderungen eine Chance zu geben – weil sie sozusagen gut vorbereitet sind.

Inklusion und Wirtschaftlichkeit passen zusammen

Ob ein Unternehmen Barrierefreiheit eher leicht oder mühsam herstellen kann, hängt manchmal an ganz einfachen Entscheidungen: Wird zum Beispiel die benötigte Auftragsbestätigung auf Papier zu den entsprechenden Mitarbeitern übermittelt oder läuft das ganze digital ab? Werden Rechnungen sofort digitalisiert und ins Rechnungssystem eingepflegt? Oder landet sie auf Papier im Ordner, auf den immer wieder zugegriffen wird? Bei der digitalen Variante können Lösungen zur Schaffung von Barrierefreiheit viel effizienter greifen, zum Beispiel:

Ein Screenreader für Menschen mit Sehbehinderungen. Diese Software erfasst unter anderem Text und bietet eine alternative Benutzerschnittstelle zum Bildschirm. Sie vermittelt die Informationen mithilfe nicht-visueller Ausgabegeräte, zum Beispiel Ton. Auch Fenster, Menüs, Auswahlboxen, aktuelle Eingabeposition und Symbole können Screenreader nicht-visuell darstellen oder ausgeben. Nach diesem Prinzip der nicht-visuellen Informationsausgabe funktioniert unter anderem auch die App Seeing AI, die von Microsoft für iOS entwickelt wurde. Ist die App auf dem Smartphone installiert, erfasst die Kamera die Umgebung, Objekte, Texte oder auch Personen und macht diese per KI-generierter Beschreibung hörbar.

Eine Vergrößerungssoftware kann Menschen mit Sehbehinderungen helfen. Sie können zusammen mit speziellen Bildschirmen Informationen so groß darstellen, dass Menschen mit eingeschränkter Sehfähigkeit sie trotzdem erkennen können.

Das Bereitstellen barrierearmer Software und Dokumente gehört für Unternehmen zu den größeren Herausforderungen beim Thema Barrierefreiheit und Inklusion. Zwar berichten Menschen mit Behinderungen, dass sie mit Standardsoftware wie Microsoft Office in der Regel gut zurecht kommen, doch teilweise gilt das für andere, speziellere Unternehmenssoftware nicht mehr. „Manche Software lässt sich anpassen, andere leider nicht“, sagt Simon Janatzek, Gründer des Büros für barrierefreie Bildung in Herne, das zu Bildungs- und Hilfsmitteln berät und Schulungen für blinde und sehbehinderte Menschen anbietet. „Das bringt teilweise eine unüberwindbare Hürde für Arbeitnehmer mit sich, ist aber zum Glück sehr selten der Fall“ (siehe auch Artikel “Was barrierefreie Software ausmacht”). Nicht-barrierefreie Dokumente bedeuten nicht automatisch, dass behinderte Menschen damit nicht zurecht kommen, allerdings ist der Aufwand für sie oft größer. Simon Janatzek empfiehlt, beim Arbeitgeber Sensibilität für das Thema herzustellen und verbindliche Regeln aufzustellen. „Denn meist reichen einfache kleine Umstellungen der Quelldokumente, um das Nutzererlebnis der blinden und sehbehinderten Menschen zu erhöhen.“

Programme zur Sprachsteuerung und zum Diktieren können Menschen mit motorischer Beeinträchtigung als mit einer Sehbehinderung die Arbeit am Rechner erleichtern. Mit ihnen lassen sich auch lange Texte effizient erstellen und bearbeiten und ein Großteil verschiedener Software mithilfe von Sprachbefehlen steuern. Spezielle Interfaces wie Tastaturen, Mäuse, Trackballs und Joysticks können Menschen auch mit starker motorischer Beeinträchtigung die Arbeit mit PCs erleichtern oder erst ermöglichen. Die Auswahl ist groß, und die Technik deckt viele verschiedene Bedürfnisse ab.

Die Möglichkeit, Remote und im Homeoffice zu arbeiten, kann für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Chance sein, und manchmal speziell für Menschen mit Behinderungen. Ihre allgemeine Flexibilität und Mobilität kann temporär eingeschränkter sein als sonst, dann ist es für sie vorteilhaft, an bestimmten Tagen zum Beispiel auf den Arbeitsweg verzichten zu können. Dass Homeoffice-Möglichkeiten ohne Digitalisierung nur schwierig umzusetzen sind, ist spätestens seit der Corona-Pandemie keine neue Erkenntnis mehr. Doch Homeoffice hat nicht nur Vorteile (siehe auch Artikel “Homeoffice: Für Menschen mit Behinderung Fluch und Segen”).

Vieles wird bezahlt

Viele spezielle Geräte und Software sind im Vergleich zu Standard-Lösungen zwar oft teurer, aber in der Regel erhalten Unternehmen finanzielle Unterstützung, zum Beispiel von der Arbeitsagentur oder von den Inklusionsämtern. Je nach Situation wird die Technik sogar komplett bezahlt (siehe auch Interview „Bei der Inklusion reden wir erst mal von Informationen, nicht von Investitionen“).