Frank Schrapper, Leiter des Technischen Beratungsdienstes beim Inklusionsamt Arbeit des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL)

Unterstützung für Unternehmen

„Bei der Inklusion reden wir erst mal von Informationen, nicht von Investitionen“

Wenn sich Unternehmen um das Thema Inklusion kümmern müssen oder wollen, können Sie sich hinsichtlich finanzieller Unterstützung und Barrierefreiheit beraten lassen. Zum Beispiel von Frank Schrapper, Leiter des Technischen Beratungsdienstes beim Inklusionsamt Arbeit des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL).

Herr Schrapper, wieso sollten sich Unternehmen mit den Themen Inklusion/Barrierefreiheit beschäftigen?

Frank Schrapper: Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels wird dieses Thema immer interessanter. Wir können es uns nicht mehr leisten, Menschen aufgrund von behinderungsbedingter Einschränkungen nicht am Arbeitsmarkt teilhaben zu lassen. Unternehmen haben durch die Inklusion die Chance, Fachkräfte zu gewinnen und zu halten.

Wie können Unternehmen das Thema angehen?

Ein Anruf kann der erste Schritt sein, zum Beispiel bei uns oder bei anderen Integrationsämtern oder bei der Agentur für Arbeit. Dort erhalten die Unternehmen Informationen zu Fördermöglichkeiten und eine Erklärung, wie das System funktioniert. Ich glaube, dass das gegliederte Sozialleistungssystem mit den unterschiedlichen Zuständigkeiten für verschiedene Themen und Fragestellungen, für manche Unternehmen womöglich abschreckend wirken könnte. Doch wird es einmal erläutert, ist es gar nicht mehr so komplex, wie es anfänglich erscheint. Ein Anruf beim Integrationsamt kann ich immer empfehlen.

Wenn ein Unternehmen erstmals eine Mitarbeiterin mit Behinderung einstellen möchte, oder im anderen Fall, ein bestehender Mitarbeiter nach zum Beispiel einem Unfall behindert ist – macht das einen Unterschied?

Für diese Fallkonstellationen gibt es unterschiedliche Zuständigkeiten, die sind aber klar geregelt. Bei einer Neu-Einstellung aus einer Arbeitslosigkeit liegt die Zuständigkeit bei der Agentur für Arbeit. Bei einem Arbeitsunfall ist die Berufsgenossenschaft verantwortlich. Auch das mag vielleicht erst mal undurchsichtig wirken, doch am Ende ist es nicht sehr schwierig. Selbst, wenn ein Unternehmen bei einer nicht zuständigen Stelle etwas beantragt, findet der Antrag automatisch den Weg zum richtigen Ansprechpartner. Wir sind gesetzlich verpflichtet, Anträge innerhalb einer bestimmten Frist weiterzureichen, sodass sie zum zuständigen Kostenträger gelangen.

Wenn es darum geht, einen Arbeitsplatz barrierefrei oder barrierearm zu machen: Von sehr wenig Aufwand bis sehr viel – über welche Bandbreite sprechen wir da?

Aus technischer Sicht geht es von simplen PC-Maus-Ersatzgeräten über hochentwickelte digitale Systeme mit Augensteuerung bis zur Umrüstung oder sogar Neu-Anschaffung einer ganzen Produktionsanlage.

Woher wissen Betroffene oder Unternehmen, was möglich und nötig ist?

Indem sie sich zum Beispiel bei uns oder bei den anderen technischen Beratungsdiensten melden. Wir haben viel Erfahrung darin, wie Arbeitsplätze behinderungsgerecht gestaltet werden können. Wir kommen in die Unternehmen und entwickeln gemeinsam Lösungen. Die müssen nicht immer technisch sein, das kann auch beispielsweise eine Unterstützung am Arbeitsplatz im Rahmen eines Jobcoachings sein. Manchmal sind es auch ganz einfach finanzielle Hilfen in Form von laufenden Geldleistungen, wenn keine anderen Maßnahmen greifen.

Wie teuer ist das alles?

Einen finanziellen Rahmen kann ich nicht nennen. Aber unabhängig von den absoluten Kosten: Sie werden häufig teilweise oder sogar komplett übernommen. Wir vom LWL-Inklusionsamt Arbeit zum Beispiel beraten, welche Anpassung des Arbeitsplatzes behinderungsbedingt erforderlich ist. Gefördert oder komplett bezahlt werden könnten dann Maßnahmen, die es nicht geben müsste, wenn die Tätigkeit von einem Menschen ohne Behinderung ausgeführt würde.

Wir prüfen allerdings auch, ob das Unternehmen dadurch einen wirtschaftlichen Vorteil erlangt. Wird etwa eine neue Maschine angeschafft, die es der Mitarbeiterin mit Behinderung ermöglicht, daran zu arbeiten, erhöht die Maschine aber gleichzeitig auch die Produktivität im Vergleich zur alten, wird das bei der Höhe der Förderung berücksichtigt.

Bei dem ganzen Thema reden wir erst mal überhaupt nicht von Investitionen, die nötig sind, sondern von Informationen.

Unterstützung für Unternehmen

„Bei der Inklusion reden wir erst mal von Informationen, nicht von Investitionen“

Die durch die Pandemie getriebene Entwicklung hin zu mehr Homeoffice sehen Barrierefreiheitsexperten zwiegespalten. Auf der einen Seite stehen offensichtliche Erleichterungen. So kann der Weg zur Arbeit schon eine große Herausforderung sein, die viele nun nicht mehr täglich meistern müssen.

Geringere Karrierechancen im Home Office

„Die Gefahr besteht darin, dass man Leute mit größeren Einschränkungen einfach ins Homeoffice abschiebt“, warnt Domingos de Oliveira, der Unternehmen zu Barrierefreiheit berät. Wenn andere wieder ins Büro gehen, seien die Menschen zuhause dann schnell von persönlicher Kommunikation abgeschnitten. „In einer Kultur, die wie in Deutschland viel Wert auf Anwesenheit legt, verbaut man sich damit auch schnell Karriere- und Aufstiegschancen.“ Zudem befürchtet de Oliveira, dass auch das Thema Inklusion aus dem Fokus gerät, wenn Menschen mit Behinderungen nicht mehr vor Ort präsent sind: „Aus den Augen, aus dem Sinn.“