Virtuelle Realität in der Praxis
Wenn Computer sehen lernen

Die Datenbrille Google Glass ist eines der (wenigen) Großprojekte, mit denen der amerikanische IT-Konzern im Verbrauchermarkt krachend gescheitert ist. Anders im Business-Umfeld: Hier gibt es für „Extended Reality“ immer mehr Einsatzfelder.

In den Lager- und Umschlagshallen des europäischen Getränkeproduzenten Coca Cola HBC tragen seit neuestem viele der Mitarbeiter Brillen, genauer gesagt: Datenbrillen. Kommt eine neue Bestellung herein, zeigen die Sichthilfen den Kommissionierern, welche und wie viele Produkte bestellt wurden und wo sie sich im Lager befinden. All dies bekommen die Mitarbeiter direkt im Sichtfeld der Brille angezeigt. Ist die Kommissionierung einer Bestellung dann abgeschlossen, bestätigen dies die Lagerarbeiter, indem sie mit der Kamera der smarten Brille einen QR-Code scannen. Nachdem Coca Cola HBC diese Technologie nun in 15 Lagern einsetzt, meldet das Unternehmen eine Liefergenauigkeit von 99,9 Prozent und eine Leistungssteigerung von rund zehn Prozent bei der Kommissionierung.
Die Rückkehr der Datenbrillen
Ist Google Glass am Ende also doch nicht gescheitert (siehe auch Infokasten)? Was viele nicht wissen: Zwar stellte der US-Konzern den Vertrieb seiner Datenbrille im Verbrauchermarkt Anfang Januar 2105 ein. Doch schon bald feierte das Gerät sein Comeback – als „Enterprise Edition“ für den Unternehmenseinsatz. Zu den Käufern zählten schnell auch Großkonzerne wie Volkswagen, DHL, Boeing oder General Electric.
Und nicht nur Google hat erkannt, dass sich mit „Extended Reality“-Lösungen im Unternehmensumfeld gut Geld verdienen lässt. So soll der weltweite Extended Reality-Markt den Marktforschern von IDC zufolge in diesem Jahr auf ein Gesamtvolumen von fast elf Milliarden US-Dollar anwachsen – obwohl wegen der Corona-Pandemie die Unternehmen viele Investitionen zurückstellen mussten. Mittel- und langfristig würde die Krise den Markt jedoch beflügeln: Denn Arbeit vom Homeoffice aus, kontaktlose Geschäftsprozesse und virtuelle Meetings seien Wasser auf die Mühlen von Extended Reality.
Die Preise fallen
Wichtig ist dabei auch die Integration der unterschiedlichen Geräte untereinander. So arbeiten die heute am Markt verfügbaren Datenbrillen nahtlos mit allen gängigen Smartphones und Tablets zusammen. Auch die Kostenfrage stellt sich immer weniger, da die Geräte nicht nur immer handlicher werden, sondern auch ihre Preise schnell fallen. Und die Einsatzgebiete vervielfältigen sich: Sie reichen von der Fahrerassistenz in Produktion und Lagerhaltung bis zur Automatisierung von Fabrikprozessen. Oder bei der Wartung: Einzelne Unternehmen übertragen hier schon Live-Videofeeds aus der Produktion an externe Ingenieure, die so per Fernwartung und -anleitung bei Reparaturen oder anderen Aufgaben unterstützen können. Die Diagnose vor Ort dagegen fällt weg.
Auch kommen Augmented Reality (AR) und Virtual Reality (VR) nicht mehr nur für menschliche Anwender in Frage. Denn immer mehr Computer werden mit der Fähigkeit des maschinellen Sehens (Computer Vision) ausgestattet. Zugleich wird dieses robotische Sehen dank Algorithmen der künstlichen Intelligenz immer leistungsfähiger und aussagekräftiger. Computer Vsion liefert zum Beispiel punktgenaue Geokoordinaten von Gebäuden, anderen Orten, aber auch von Waren auf ihrem Weg entlang der Lieferketten.
Weiterer Schub durch 5G
Für zusätzlichen Schwung für AR- und VR-Lösungen im Business-Umfeld wird zudem der neue Mobilfunkstandard 5G sorgen – nicht nur wegen der höheren Bandbreiten, sondern vor allem wegen der deutlich kürzeren Latenzzeiten bei der Datenübertragung. Dies macht de facto Echtzeitszenarien möglich. Darüber hinaus lassen sich dank 5G viele Rechenkapazitäten dorthin verlagern, wo Vor-Ort-Daten entstehen (Edge Computing) – die Ausstattung einer Maschine in der Produktion oder eines Headsets mit einer SIM-Karte genügt. Die Datenverarbeitung, die bislang zumeist zentral in Rechenzentren erfolgte, kann nun „vor Ort“ erfolgen. Dies beschleunigt AR- und VR-Szenarien zusätzlich, physische und virtuelle Realität wachsen weiter zusammen. Sind Google Glass & Co. am Ende also doch nicht gescheitert? Zumindest im Business-Kontext zeigen die zahlreichen, bereits erprobten Anwendungsbeispiele, dass die unterschiedlichen Spielarten der erweiterten Realität ihre Zukunft noch vor sich haben.
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VR, AR, MR – Was ist was?

Virtuelle (VR, Virtual Reality), erweiterte (AR, Augmented Reality) und gemischte Realität (MR, Mixed Reality) sind Technologien, die noch einmal unter dem Oberbegriff der „Extended Reality“ zusammengefasst werden.

Dabei steht VR für eine komplett virtuelle Welt, bei der die physische Wirklichkeit komplett ausgeblendet bleibt. Dies ist zum Beispiel bei Videospielen der Fall, bei dem der Zugang über spezielle Sichtgeräte erfolgt, in der Regel VR-Headsets.

AR hingegen erweitert die reale Welt um virtuelle Objekte oder Informationen. Hier steht die physische Realität weiter im Mittelpunkt der Wahrnehmung und wird um Zusatzinformationen angereichert – zum Beispiel über Datenbrillen. AR ist die derzeit am häufigsten eingesetzte Variante von Extended Reality.

MR schließlich als komplexeste Variante verbindet Elemente aus VR und AR. Indem sie virtuelle Umgebungen mit der physischen Welt verbindet, entstehen ganz neue und komplexe Realitäten. Der Zugang erfolgt über spezielle Headsets mit integrierten Sensoren, Lautsprechern und in der Regel auch eigenen Prozessoren.

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Google Glass – Geschichte eines Scheiterns

Spätestens als die (wenigen) Träger von Google Glass-Datenbrillen als „Glassholes“ verunglimpft wurden, war das Produkt im Verbrauchermarkt gescheitert. Weniger als ein Jahr nach Verkaufsstart im April 2014 stellte Google den Vertrieb auch schon wieder ein. Viele nennen als Gründe für das Scheitern ganz bodenständige Aspekte wie den hohen Preis von rund 1.500 US-Dollar oder die schwache Akkulaufzeit, die bei intensiver Nutzung kaum über zwei Stunden hinauskam.

Entscheidend war am Ende aber wohl eher, dass die smarte Brille nicht smart genug war und letztlich nur ein erweitertes Smartphone-Display darstellte. Das Anreichern der realen Umgebung mit virtuellen Elementen hingegen blieb zu großen Teilen unausgeschöpft. Und nicht zuletzt der Datenschutz: Träger der Datenbrille wurden von ihren Mitmenschen sehr schnell als unheimlich wahrgenommen, was schnell zur Gründung von Initiativen wie „Stop the Cyborgs“ und das Ausrufen von „Google Glass-freien Zonen“ führte. Da konnte auch die Veröffentlichung von „Gebrauchsregeln“ für das Tragen der Brille durch Google keine Abhilfe mehr schaffen.