Bremsklotz für die Digitalisierung

Die wichtigste Grundlage für die Nutzung digitaler Technologien ist eine leistungsstarke Infrastruktur, sprich: Breitbandinternet! Doch das klappt seit Jahren nur mittelprächtig. Beim Ausbau moderner Glasfaserinfrastruktur schafft Deutschland nicht mal Durchschnittswerte.

Big Data, Künstliche Intelligenz, Industrie 4.0, autonomes Fahren, E-Payment, E-Health – alle diese Schlagworte stehen für digitale Zukunftstrends. Fragt man in der Bevölkerung nach, dann überwiegt eine positive Sicht auf die Chancen durch die digitale Revolution, in der wir uns gerade befinden. Unter dem Strich wird von den digitalen Technologien erwartet, dass sie unsere Wirtschaft und Gesellschaft unterstützen und voranbringen.

Doch in Zeiten der Corona-Krise ist Ernüchterung eingetreten. Für viele Mitarbeiter in Firmen sorgte die Pandemie dafür, dass sie zum ersten Mal hauptsächlich im Homeoffice arbeiten. Für viele Unternehmen stellte die quasi über Nacht eingeführte Nutzung cloudbasierter Tools und privater Verbindungen eine echte Herausforderung dar. Doch während etwa Probleme bei der IT-Sicherheit Schritt für Schritt gelöst werden, kämpfen viele Menschen damit, dass aufgrund einer veralteten, überlasteten Infrastruktur die Grundvoraussetzungen nicht stimmen.

Langsame Internetverbindungen sorgen für ruckelige Videomeetings mit ständigen Bild- und Tonausfällen. Die massenweise Homeoffice-Nutzung krankt deshalb nicht etwa – wie von manchen Unternehmen befürchtet - an abgelenkten Mitarbeitern, sondern an überlasteter Technik. Ganz zu schweigen von genervten Eltern: Das sogenannte Homeschooling - die Nutzung digitaler Lernplattformen im Distanzunterricht – funktioniert in vielen Schulen gar nicht oder vorsintflutlich schlecht auf Basis von per E-Mail verbreiteten Aufgabenzetteln. Willkommen im Jahr 2021!

Förderungsziel verfehlt

Der für wirklich flottes Internet notwendige Breitbandausbau wird in Deutschland seit dem Jahr 2015 vom Bund gefördert. Vor sechs Jahren wurde beschlossen, dass zunächst allen Gebieten, in denen es Internetgeschwindigkeiten von maximal 30 Megabit in der Sekunde gibt, eine Förderung für mehr Tempo zur Verfügung gestellt wird. Ziel war es, bis Ende 2018 den flächendeckenden Ausbau bis auf 50 Megabit sicherzustellen. Erreicht wurde dieses Minimal-Ziel bis heute nicht.

Zwar wurden mit einer Fördersumme von 7,1 Milliarden Euro rund 1.800 Ausbauvorhaben bewilligt, wodurch immerhin 2,5 Millionen neue Breitbandanschlüsse entstehen sollen. Tatsächlich umgesetzt wurden aber erst Projekte für rund 750 Millionen Euro. Das liegt etwa daran, weil von der Bewilligung der Förderbescheide bis zum Baubeginn im Schnitt drei Jahre vergehen. Das Schneckentempo hierbei resultiert wiederum daher, dass in vielen Bauämtern der Kommunen Personal fehlt, wodurch Baugenehmigungen auf sich warten lassen. Eine Folge von Sparmaßnahmen an anderer Stelle! Auch in der Privatwirtschaft fehlt Personal: Viele Bauunternehmen suchen händeringend Bauleiter, aber auch einfache Mitarbeiter für den Tiefbau. Aufgrund der hohen Nachfrage sind zudem die Preise für Tiefbauarbeiten seit Beginn der Fördermaßnahmen um rund 20 Prozent gestiegen.

Stiefkind Glasfaser

Besonders hinterher ist Deutschland beim Ausbau von Glasfaseranschlüssen, mit denen ruckelige Videomeetings selbst dann der Vergangenheit angehören würden, wenn die Anwohner eines ganzen Wohnviertels alle zeitgleich in Konferenzen säßen. Andere Länder sind da erheblich weiter: So werden laut einer Statistik der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Südkorea rund 84 Prozent aller Breitbandanschlüsse per Glasfaser realisiert. Spanien schafft einen Anteil von knapp 70 Prozent, unsere Nachbarn in Frankreich immerhin fast 30 Prozent. In Deutschland beträgt der Glasfaseranteil 4,7 Prozent - Platz 34 des Länderrankings. Nur in vier OECD-Staaten ist der Anteil der Glasfaseranschlüsse noch geringer als in Deutschland: In Belgien, Griechenland, Großbritannien und Österreich.

Bei Gigabit gar nicht so schlecht

Lange Zeit wurde hierzulande auf die Strategie gesetzt, die bestehende Kupferkabel-Infrastruktur aufzurüsten, ohne neue Glasfasertechnologie in Gebäuden zu verlegen. So bestehen die letzten Meter zu den Haushalten oftmals aus Telefon- oder Fernsehkabeln. Immerhin: Auch damit sind gigabitfähige Internetzugänge machbar, wodurch Deutschland insbesondere dort, wo Hybrid-Netze aus Glasfaser und Koaxial (Kabel-TV) zur Verfügung stehen, auch in Sachen Internetgeschwindigkeit mithalten kann. Eine Studie des Branchenverbandes VATM aus dem Herbst 2020 beziffert die Zahl der gigabitfähigen Internetanschlüsse auf rund 28,8 Millionen.

Klar ist aber auch: Mittelfristig führt kein Weg an Glasfasertechnologie vorbei. Sie muss alleine schon deshalb ausgebaut werden, weil für den im Aufbau befindlichen Mobilfunk nach 5G-Standard noch mehr Leistung benötigt wird. Die 5G-Technologie verspricht Leistungen jenseits der Gigabitgrenze. Deshalb müssen die 5G-Funkmasten mit Glasfaserkabeln versorgt werden.

Glasfaser ist teuer

Hinterher ist Deutschland in Sachen Glasfaser insbesondere, weil deren Ausbau so kostspielig ist. Schätzungen des Wissenschaftlichen Instituts für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (WIK) zufolge, würde der bundesweite, flächendeckende Glasfaserausbau um die 80 Milliarden Euro kosten. Aus einer kleinen Anfrage der FDP vom Juli 2020 geht hervor, dass derzeit 84 Gemeinden in Deutschland ihren Bürgern flächendeckend Glasfaser anbieten können - - von insgesamt 11.305.

Ein bremsender Faktor ist laut einer Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion auch die mangelnde Akzeptanz günstigerer und oftmals schneller umsetzbarer Verlegetechniken. Dazu zählt zum Beispiel das Micro-Trenching: Bei dieser Methode werden schmale Schlitze in den Straßenrand gefräst, um die Rohre für die Glasfaserkabel zu verlegen. Auch eine oberirdische Verlegung von Glasfaserrohren wäre vereinzelt möglich – wird von Gemeinden oder Bürgern aber häufig abgelehnt. Stattdessen müssen Bagger die Straße aufreißen, was dauert und kostet.

Bedingt durch die erheblichen Ausbaukosten lohnt sich die Investition in Glasfasernetze nur, wenn genügend Verbraucher – Privatkunden und Unternehmen - Nachfrage bekunden. Anbieter wie die Deutsche Telekom oder Vodafone sammeln deshalb im Vorfeld meist Vorverträge. Nur ab einer bestimmten Anzahl Interessenten beginnen die notwendigen Bauarbeiten. In den meisten Fällen ist das Verlangen ausreichend groß. In drei Städten scheiterte zuletzt der Ausbau an diesem Punkt - in Münster, Erlangen und Bremerhaven.

Fazit

Die Corona-Pandemie hat uns einmal mehr vor Augen geführt, wie wichtig schnelles Internet ist. Egal, ob für das produzierende Gewerbe, für Angestellte im Homeoffice oder für Schüler und Studenten, die von zu Hause lernen müssen. Der Bund fördert den Glasfaserausbau mit Milliarden. Dennoch geht der Ausbau gerade in ländlichen Regionen nur langsam voran. Viele Anwender – Unternehmen und Privatkunden – können von Gigabit-Internet weiterhin nur träumen. Mit Blick auf die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Stadt und Land sollte der digitalen Spaltung zwischen gut versorgten Ballungsräumen und unterversorgten Regionen entgegengewirkt werden. Nicht verschwiegen werden darf allerdings, dass dieses Vorhaben mit Kosten verbunden ist. Wir alle müssen darüber nachdenken, ob wir hier in die Zukunft investieren oder lieber sparen möchten.

Glasfaseranschlüsse FTTH (Fibre-to-the-Home) in den OECD-Staaten:

Südkorea 84 %

Japan 80,8 %

Litauen 75,7 %

Schweden 73 %

Lettland 69,9 %

Spanien 69,7 %

Frankreich 27,6 %

Deutschland 4,7 %

Belgien 1,3 %

Quelle: OECD/Statista