Digital Health - die Medizin wird digital

Digitale Gesundheitslösungen können dazu beitragen, dass Mediziner effizienter arbeiten und Patienten besser genesen. Wichtig ist hierfür aber ein kontinuierlicher Dialog zwischen Anbietern, Ärzten und Patienten.

Seit Jahren erhält das deutsche Gesundheitswesen keine guten Noten. Zwar sind Mediziner und Pflegekräfte durchweg gut ausgebildet, aber das System gilt als zu bürokratisch, schwerfällig und damit auch fehleranfällig. Länder wie das kleine Estland, Dänemark und Österreich stellen zwischenzeitlich unter Beweis, dass es auch besser geht. Sie alle setzen darauf, mit Hilfe von digitalen Technologien den gesamten Pflegebereich von Schreibtischarbeit zu entlasten. Die Digitalisierung kann die Medizin – zum Wohle der Patienten – gleichzeitig flexibler und intelligenter machen.

Ein neuer Begriff ist entstanden, der in zwei Worten zusammenfasst, wohin sich das Gesundheitswesen weltweit entwickelt: Digital Health! Genau darauf setzt heute das Bundesgesundheitsministerium, das unter Hochdruck die Vernetzung von Arztpraxen, medizinischen Versorgungszentren, Apotheken, Krankenhäusern und Pflegeanbietern vorantreibt. Eingebunden in das System sind auch alle Versicherten, die ab 2021 eine elektronische Patientenakte freiwillig nutzen können. Welches Potential in einem digital vernetzten Gesundheitswesen steckt, wird deutlich, wenn man sich etwa folgende Zahlen ansieht: Weltweit investiert kein anderer Wirtschaftszweig außer der IT-Branche so viel in Forschung und Entwicklung wie die Gesundheitsbranche, sagt die Unternehmensberatung Booz & Company. Dies gilt insbesondere für die Bereiche Telemedizin, Medizintechnik und Biotechnologie. Nach Angaben des Europäischen Patentamtes führt die Medizintechnik die Liste der angemeldeten Erfindungen im Jahr 2018 mit knapp 13.800 Patenten an und verzeichnete einen Zuwachs zum Vorjahr von fünf Prozent. Deutschland belegt übrigens mit über 26 700 europäischen Patentanmeldungen Platz 2 der anmeldeaktivsten Länder.

Doch was genau muss man sich unter Digital Health-Lösungen vorstellen? Von welchen digitalen Ideen sollen Ärzte, Kliniken und natürlich die Patienten selbst profitieren? Am bekanntesten ist spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie die Sprechstunde per Videokonferenz, die jetzt immer mehr Arztpraxen anbieten. Fünf Beispiele zeigen, dass hinter Digital Health jedoch noch weitaus mehr Ideen stecken.

Künstliche Intelligenz gegen Erblindung

Die geographische Atrophie (GA) ist eine weit verbreitete, altersbedingte Erkrankung der Netzhaut des menschlichen Auges. Unbehandelt führt die Erkrankung oft zur Erblindung des Patienten. Wissenschaftler des Universitätsklinikums Bonn, der Stanford University und der University of Utah haben jetzt jedoch eine auf künstlicher Intelligenz (KI) beruhende Software entwickelt. Sie erlaubt eine vollautomatisierte, präzise Analyse feinster, mikrostruktureller Veränderungen im Auge des Patienten – genauer und schneller, als es ein erfahrener Augenarzt schafft.

Diese neuartige Form der personalisierten Medizin ermöglicht zwar keine endgültige Heilung, aber eine präzise Verlaufsbeurteilung. Dadurch sind bessere, individuellere Therapien möglich. Einschränkungen für den Patienten können herausgezögert werden, die Behandlung wird individueller.

Einfache Online-Terminvereinbarung

Wer kennt das nicht? Um einen Arzttermin vereinbaren, sind oft mehrere Versuche notwendig. Die Rufnummer der Praxis ist ständig besetzt und schließlich bietet die Sprechstundenhilfe einen Termin an, der aus beruflichen oder privaten Gründen nur sehr schlecht passt. Arztpraxen stöhnen umgekehrt über ein nie stillstehendes Telefon und über Patienten, die Termine vergessen oder nicht absagen, was die tägliche Planung massiv erschwert. Das Berliner Unternehmen Samedi hat für diese Problematik eine Terminkoordinationslösung entwickelt. Was einfach klingt, ist tatsächlich komplex: Die Terminbuchung beim Arzt ist nicht mit der simplen Tischreservierung in einem Restaurant zu vergleichen. Individuelle Abläufe und Strukturen müssen in der Software abgebildet sein – eine Lösung „von der Stange“ ist nicht möglich. Zudem muss sie Software – es geht hier um Patientendaten – noch sicher und mit rund 40 am Markt etablierten Praxis- und Krankenhausinformationssystemen kompatibel sein. Samedi hat das geschafft und die Lösung bereits bei zahlreichen Arztpraxen integriert.

Smarter Trinkbecher

Mitte 2021 soll ein smarter Trinkbecher des Münchner Start-ups LAQA auf den Markt kommen. Bis dahin will das Unternehmen den Prototyp der Trinkhilfe für den Einsatz in Krankenhäusern und Pflegeheimen serienreif machen und in Feldtests erproben. Mit dem intelligenten Trinkbecher „SmartCup“ will LAQA ein bekanntes Problem lösen. Hintergrund: Viele alte Menschen trinken zu wenig – Verwirrung, Schwindel und Stürze sind die Folge. Viele Erkrankungen können sich durch Flüssigkeitsmangel verschlimmern. Das Animieren zum Trinken sowie die Dokumentation des Flüssigkeitskonsums bindet in Pflegeheimen und Krankenhäusern außerdem viel Arbeitszeit der Pflegekräfte. Die Hightech- und KI-basierte Lösung des Startups soll hier für Entlastung sorgen. Der SmartCup erinnert per Licht, Ton oder Vibration ans Trinken. Via Funk-Schnittstelle (NB-IoT) wird die Trinkmenge in die Pflegeverwaltungs- Software übertragen (vollautomatisiertes Trinkprotokoll) oder über ein Web-Interface zur Verfügung gestellt.

Algorithmen gegen Blutvergiftung

Allein in Deutschland erleiden jährlich rund 320.000 Menschen eine Sepsis (Blutvergiftung). Jeder vierte dieser Patienten stirbt daran! Mit einem neuen Verfahren wollen die Universitätsmedizin Mainz, das Software- Unternehmen Noscendo und die Techniker Krankenkasse (TK) die Keime künftig wirkungsvoller bekämpfen. Entwickelt wurde hierfür ein softwarebasiertes Verfahren, das Know-how aus Biotechnologie und Software kombiniert. Noscendo hat einen Algorithmus entwickelt, der auf Basis von nur einer Blutprobe eine zielgerichtete, verlässliche und schnelle Erregeridentifikation möglich macht. Mithilfe des Verfahrens lässt sich eine Blutprobe innerhalb von 24 Stunden auf rund 1.000 Erreger testen. Das ist deutlich mehr, als bislang möglich war. Bisher benötigen solche Analysen mehrere Tage. Für die Rettung des Patienten verschafft die Lösung den Ärzten in vielen Fällen einen entscheidenden Vorsprung im Wettlauf gegen die Zeit.

Website für mehr Genesungs-Energie

Fast jeder dritte Mensch in Deutschland (27,7 %) leidet mindestens einmal in seinem Leben an einer psychischen Erkrankung – Tendenz steigend. Hilfreich ist es oftmals, eine Psychotherapie-Gruppe aufzusuchen. Dieser Schritt wird jedoch häufig durch organisatorische Aufgaben gebremst, zu denen vielen Erkrankten schlicht die Kraft fehlt. Das Angebot von Gruppenplatz.de unterstützt psychisch kranke Menschen beim Auffinden einer passenden Gruppe in ihrer Nähe. Parallel werden Psychotherapeuten bei der Organisation entlastet. Mit Hilfe der Lösung des Start-ups Dr. Becker eHealth GmbH lassen sich Therapieanfragen und Terminvereinbarungen komfortabel online managen. Auch der digitale Austausch nützlicher Materialien ist möglich.

Fazit

Mit digitalen Gesundheitslösungen ist in den letzten Jahren ein Markt mit enormem Potential entstanden. Intelligente IT-Lösungen werden heute und in Zukunft wesentlich dazu beitragen, das Gesundheitswesen effizienter zu gestalten und die Qualität der medizinischen Versorgung weiter zu verbessern. Wichtig ist dabei ein kontinuierlicher Dialog zwischen Politik, ärztlicher Selbstverwaltung, Gesundheitsverbänden und Anwendern.

Nicht zuletzt muss die Öffentlichkeit über den Markt informiert sein, damit sie mündig mitreden kann. Viele neue Lösungen werden von Patienten als Erleichterung begrüßt, doch dennoch ist es wichtig, durch sachliche Informationen weiter Vorurteile gegen eine vermeintlich „unmenschliche“, digitale Medizin abzubauen.

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