Erfahrungsbericht
Die (digitale) Gamescom 2020
Die Gamescom lockt jährlich mehrere hunderttausend Besucher nach Köln. Damit zählt die Messe für Computer- und Videospiele zu einer der größten Messen Deutschlands. Doch wie in so vielen Bereichen verliefen die Vorbereitungen anders, als in den vergangenen Jahren. Aufgrund der Pandemie entwickelten die Veranstalter ein alternatives Konzept: Und so fand die Gamescom 2020 ausschließlich digital statt. Eine gute Alternative, könnte man meinen. Denn bei den Worten digitale Messe und Videospiele entsteht sofort der Eindruck: „Das passt“. Doch war die diesjährige Gamescom ein Erfolg auf ganzer Linie? Ist das ein Modell für die Zukunft? Die Antwort ist eindeutig: Nein. Die Gamescom liefert jährlich eine Unmenge an Informationen und Content. Damit diese auch digital vermittelt werden können, wurde der Content-Hub gamescom now ins Leben gerufen – eine zentrale Anlaufstation für alle Besucher. Hier wurden sämtliche Messeinhalte bereitgestellt und anschaulich aufgelistet. Dank wichtiger Features wie einem übersichtlichen Kalender zu anstehenden Live- Veranstaltungen, einer manuellen Suchfunktion und einer ausführlichen Beschreibung aller Aussteller war das eine runde Sache. Doch genau an dieser Stelle wird auch schnell der wohl größte Unterschied klar: Der digitale Besucher ist deutlich mehr gefordert als der Besucher vor Ort. Als User entscheide ich mich gezielt, welche Inhalte ich konsumieren möchte. Sich durch die Messehallen treiben zu lassen – in diesem Format unmöglich. Erschwerend kommt die Masse an Informationen hinzu, die es schlichtweg unmöglich machte alles zu sichten und für den eigenen Bedarf zu filtern. Als Besucher fühlte man sich orientierungslos in der Masse der angebotenen Inhalte – und irgendwie auch allein gelassen. In den letzten Jahren hat sich die Gamescom zu einem großen Community-Event entwickelt. Die Branche kam zu diesem Event zusammen, um neue Kontakte zu knüpfen oder mit der Community den Erlebnischarakter der Messe zu zelebrieren. Genau diese Interaktion hat in diesem Jahr gefehlt: Gespräche mit Gleichgesinnten, Entwicklern oder das Treffen alter Bekannten. Auch Spiele wurden im Rahmen der digitalen Gamescom kaum zum Testen angeboten. So blieben interessierten Gamern oft nur neue Trailer und Präsentationen. Ihre Momente und Reize hatte die digitale Gamescom trotzdem: Es war jederzeit möglich Informationen abzurufen und im Content- Hub zu stöbern. Wer sich die Zeit genommen hat Streams und Videos anzuschauen oder Inhalte durchzulesen, wurde meist mit sehr unterhaltsamen, hochwertig produziertem und manchmal sogar interaktivem Content belohnt. Mit einem innovativen Konzept überzeugte die diesjährige Indie Arena Booth. Hier haben kleine Entwicklerstudios eine Messe zum Erleben programmiert. Besucher konnten mit einem Avatar durch kunstvoll gestaltete Messeräume laufen, sich Spiele anschauen und mit den Entwicklern chatten. Schlussendlich hat die digitale Gamescom 2020 aber gezeigt, was genau wir an solch einem Event schätzen: die Atmosphäre, der persönliche Kontakt und ein Erlebnis zum „Anfassen“. Auch wenn einige Aspekte gut aufbereitet waren, kann ein digitales Konzept das Besuchserlebnis nicht voll umfänglich auffangen und umsetzen – zumindest noch nicht.