Corporate Carbon Footprint

CO2-Management für Unternehmen: Wer will der Letzte sein?

Unternehmen, die ihre Klimabilanz verbessern wollen, müssen diese zuerst kennen. Beim CO2-Management können spezialisierte Dienstleister helfen, die dafür Prozesse und Software entwickelt haben.

Es gibt verschiedene Gründe, sich mit dem eigenen CO2-Fußbadruck zu beschäftigen. Manche Unternehmerinnen und Unternehmer sind von sich aus motiviert und sehen es als gesellschaftliche Aufgabe an, die negative Klimawirkung des Betriebes so gering wie möglich zu halten. Andere betrachten es als Investition in die Zukunft: Je weniger schlimm die Folgen des Klimawandels werden, desto geringer werden die Kosten, die wohl sowieso irgendwann bezahlt werden müssen und später womöglich noch höher sind.

Auch klassische betriebswirtschaftliche Gründe können eine Rolle spielen: Wer CO2-neutral wirtschaftet, kann damit werben und womöglich neue Kundinnen und Kunden gewinnen. Manchmal hilft es bei Ausschreibungen, wenn bestimmte Compliance-Anforderungen gestellt werden. In manchen Fällen sind Unternehmen erst dann als potenzielle Dienstleister qualifiziert, wenn sie Angaben zum CO2-Fußabdruck machen können – man spricht hier auch vom Corporate Carbon Footprint (der nicht nur CO2, sondern auch weitere Treibhausgase umfasst). Und viele Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern müssen in ihren CSR-Berichten sowieso die Emissionen von Treibhausgasen beziffern.

Johann Lagemann vom Berliner Unternehmen Planetly geht davon aus, dass die Bilanz von Treibhausgasen in Zukunft standardmäßig als KPI in Unternehmen geführt wird – also als Leistungskennzahl, die beschreibt, wie gut ein wichtiges Ziel eines Unternehmens zu einem bestimmten Zeitpunkt oder in einem bestimmten Zeitraum erreicht ist. Begriffe wie Carbon Accounting, Carbon Management oder auch CO2-Monitoring werden für diese Analyse verwendet.

Je mehr Standorte, desto schwieriger

In manchen Fällen ist der CO2-Fußabdruck recht schnell ermittelt – zum Beispiel, wenn das Unternehmen nur wenige Mitarbeiter hat, die Arbeit praktisch ausschließlich am Computer stattfindet, keine materiellen Güter produziert werden, keine Dienstreisen nötig sind und die Mitarbeiter immer auf die selbe Art und Weise zur Arbeit kommen. Ein Steuerberatungsbüro zum Beispiel könnte diese Eigenschaften aufweisen.

Schwieriger wird es bei größeren Unternehmen mit vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, mit einer Produktionsstätte, Dienstreisen, vielen externen Dienstleistern und Zulieferern und womöglich sogar mehreren Standorten. Speziell letzteres macht die Analyse und das fortwährende Monitoring der Treibhausgasemissionen komplex, sagt Johann Lagemann von Planetly.

Unternehmen wie Planetly oder auch Climatepartner in München haben sich darauf spezialisiert: Analyse und Monitoring der Klimabilanz von Unternehmen, Unterbreitung von Vorschlägen, sie zu verbessern, Kompensation sowie Hilfe bei der Kommunikation des Engagements in Sachen Klimaschutz. Ihre Software zum CO2-Monitoring soll zudem die Komplexität verringern und die Analyse des CO2-Fußabdrucks vereinfachen.

Erfassen von Daten, Analyse

Unternehmen, die Interesse am Engagement in Sachen Klimaschutz haben und sich an entsprechende Dienstleister wenden, formulieren am Anfang ein Ziel, zum Beispiel: Keine Emissionen mehr im Jahr 2030 (wobei dieses Ziel unterschiedlich definiert werden kann). Dann folgen die Datenerfassung und die Analyse. Manche Daten sind dabei recht einfach zu erfassen, zum Beispiel der Stromverbrauch eines Unternehmens. Schwieriger ist etwa die Kantine, weil es hier zum Beispiel auch darauf ankommt, was gegessen und getrunken wird. In Fällen, bei denen Unternehmen keine zuverlässigen Daten zur Verfügung stellen können, helfen sowohl die Erfahrung des Klimaschutzpartners als auch anerkannte Datenbanken, auf die man dann zurückgreift, sagt Dieter Niewierra von Climatepartner.

Komplex kann auch die Erfassung der Emissionen sein, die durch die Produktion und Lieferkette verursacht wird. Eine Frage lautet zum Beispiel: Wo macht man Schluss? Kauft ein Unternehmen zum Beispiel einen Gabelstapler, könnte die durch die Produktion, die Anschaffung und den Betrieb des Gabelstaplers verursachte Klimawirkung in der Unternehmensbilanz berücksichtigt werden. Doch auch die ist schon nicht so einfach zu berechnen: Inwiefern zählen hier zum Beispiel die Emissionen, die bei der Produktion des Lkw verursacht werden, der den Gabelstapler vom Hersteller zum Käufer bringt?

Climatepartner und Planetly richten sich bei dieser Frage nach dem Greenhouse Gas Protocol, einer privaten transnationale Standardreihe zur Bilanzierung von Treibhausgasemissionen. Dieses Protokoll gilt als der am weitesten verbreitete Standard in diesem Bereich. Auch manche ISO-Normen bauen auf ihm auf. Das Greenhouse Gas Protocol macht Vorschläge, wie die CO2-Bilanz zum Beispiel bei komplexeren Lieferketten sinnvoll berechnet werden kann.

Beide Anbieter setzen beim CO2-Management auf eine selbst entwickelte Software, die dabei helfen soll, die für die Klimabilanzierung wichtigen Daten zu erfassen. Diese umfassen alle Unternehmensaktivitäten, können manuell eingegeben oder auch automatisch erfasst werden. Schon im Angebot oder geplant sind auch Schnittstellen für ERP-Systeme, Transport- und Reisemanagement.

CO2-Reduktion

Unternehmen, die sich CO2-neutral nennen wollen, können das durch entsprechende Kompensationen erreichen. Sowohl Planetly als auch Climatepartner betonen aber: Im ersten Schritt geht es nicht um Kompensation, sondern um CO2-Reduktion. Beide Unternehmen machen daher Vorschläge, wie die Klimabilanz verbessert werden kann. "Das ist ein Prozess", sagt Dieter Niewierra von Climatepartner. Tatsächlich wird es wohl kein Unternehmen schaffen, alle Emissionen von einem Jahr aufs andere auf Null zu reduzieren. Ansätze, von denen manche ein paar Jahre zur Umsetzung benötigen können:

  • Energetische Sanierung der beheizten Gebäude
  • Eigene Energie durch Photovoltaik oder Windkraft erzeugen
  • Mobilitätskonzept mit Elektromobilität entwickeln, Homeoffice, Videokonferenzen statt Dienstreisen, Job-Tickets
  • Umstellung auf klimaneutrale Rohstoffe und Ausgangsmaterialien
  • Prozesswärme nutzen
  • Auf Zulieferer und externe Dienstleister setzen, die ihre Produkte CO2-neutral anbieten
  • Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Trainings und Schulungen anbieten

Auch mit diesen Maßnahmen werden sich manche Emissionen nicht vollständig vermeiden lassen. Unternehmen, die sich CO2-neutral nennen wollen, können die restlichen Emissionen kompensieren. Finanziert werden zum Beispiel Projekte, bei denen Holz- durch Solaröfen ersetzt oder bestimmte Wälder geschützt werden. In der Regel werden diese Projekte in afrikanischen oder südamerikanischen Ländern umgesetzt. Eine Regel für ein zertifiziertes Kompensationsprojekt ist nämlich: Es muss zusätzlich sein, und es darf nicht anderweitig finanziert werden, etwa durch den Staat. "Aktuell ist Deutschland für solche Projekte damit praktisch raus", sagt Dieter Niewierra von Climatepartner.

Kosten und Mehrwert

Wie viel die Dienste von Planetly und Climatepartner kosten, hängt von der Komplexität und Größe des Unternehmens ab. Über kleinere Unternehmen sagt Dieter Niewierra: Die Kosten seien hier in der Regel nicht das Problem, sondern "eher die Bereitschaft, sich mit dem Thema zu beschäftigen." Die sei bei einigen schon da, bei vielen aber noch nicht. Johann Lagemann von Planetly geht davon aus, dass sie bald schnell steigen wird. Schon heute sei CO2-Neutralität ein Marketing-Instrument. Und irgendwann geht es für Unternehmen darum, beim Thema Klimaschutz "nicht der Letzte zu sein".