Coronakrise

Wie die Krise der Arbeit dieser Start-Ups verändert hat

Manche Unternehmen brauchen wegen der Coronakrise finanzielle Unterstützung. Andere haben sogar mehr Aufträge als vorher. Hier die Geschichten von vier Start-ups und ihrem Umgang mit der Coronakrise:

Das Start-up Workmetric aus Oldenburg entwickelt Lösungen zum Raummanagement. Die Grundidee: Büroräume für Schreibtische und Konferenzen sind teuer, werden aber häufig nicht genutzt. Und das auch schon vor der Corona-Pandemie, als noch nicht so viele Menschen im Homeoffice gearbeitet haben. Geschäftsführer Frank Radke und seine Kollegen haben deshalb ein System entwickelt, das zum Beispiel die Belegung von Schreibtischen, Telefonie- und Konferenzräumen nachhält – auf Wunsch über Sensoren vollautomatisch. Das wird abgeglichen mit den Angaben der Mitarbeiter, zum Beispiel, wann sie auf Dienstreise, im Homeoffice oder im Urlaub sind. Unternehmen können vom Workmetric-System auch vollautomatisch planen lassen, welche Mitarbeiterin und welcher Mitarbeiter an welchem Schreibtisch sitzt und welche andere Räumen wann wie genutzt werden. Das Ziel: Überflüssige Raumkapazitäten ermitteln und abschaffen. Geschäftsführer Frank Radke gibt an, ein Arbeitsplatz koste ein Unternehmen 5000 bis 8000 Euro im Jahr. Ein Unternehmen hätte also ein Interesse daran, Räume und Einzelarbeitsplätze möglichst gut auszulasten.

Seit der Coronakrise hat Workmetric ″deutlich mehr zu tun″, sagt Frank Radke. Zwar arbeiten bei vielen Firmen Mitarbeiter im Homeoffice, aber eben nicht alle. Unternehmen müssen sich deshalb Gedanken über den Infektionsschutz machen und regeln, wer wann wo arbeiten soll und darf – ein ungewolltes, aber nahezu perfektes Szenario für ein System, das genau dafür gemacht ist: Die Belegung von Arbeitsplätzen und Räumen erfassen und steuern. Langfristig könnte die Coronakrise den Bedarf an der Dienstleistung von Workmetric noch weiter steigern. Denn einige Unternehmen und Mitarbeiter entdecken gerade erstmals, dass Homeoffice funktioniert. Das Arbeitsmodell könnte gestärkt aus der Krise hervor gehen. Das heißt für Workmetric: mehr zu tun. Denn arbeitet eine Mitarbeiterin an zwei von fünf Tagen pro Woche im Homeoffice, bedeutet das, dass an diesen beiden Tagen ihr Schreibtisch unbenutzt ist. Aus Sicht von Frank Radke sind das verschwendete Ressourcen. Sieht das entsprechende Unternehmen das genauso, könnte es das System von Workmetric einsetzen, was dabei hilft, diese Ressource besser zu nutzen.

Büroräume und Arbeitsplätze besser auslasten – gerade in Zeiten von Homeoffice

IT-Sicherheit stärken, auch und gerade bei vielen Remote-Arbeitsplätzen

Dass IT-Sicherheit sehr wichtig für Unternehmen ist, haben zwar immer noch nicht alle, aber doch sehr viele verstanden. Doch wann ist die IT-Sicherheit eigentlich ausreichend? Und was könnte im schlimmsten Fall passieren? Genau das analysiert das Sytem von Vulidity, einem Start-up aus Unterneukirchen bei München. Der Ansatz: Alle denkbaren IT-Angriffe werden simuliert, sodass das entsprechende Unternehmen nachbessern kann. Der Unterschied zu anderen Tools: Es wird nicht nur eine Analyse der vorhandenen IT-Sicherheitsstrukturen durchgeführt, sondern es werden echte Angriffe simuliert. So könnte eine Firewall prinzipiell als ausreichend angesehen werden, aber trotzdem besteht die Möglichkeit, dass ein Trojaner sie überwindet. Mit der Erkenntnis, wie groß der Schaden dann ist, lassen sich Risiken abwägen und gegebenenfalls Schutzwälle aufrüsten. Auch Social-Engineering-Angriffe kann Vulidity simulieren. Hier kommt es auf das Verhalten der Mitarbeiter im Unternehmen an, in etwa wie leichtfertig sie Anhänge öffnen oder prüfen, was sich auf gefundenen USB-Sticks befindet. Auch findet Vulidity heraus, wenn geschäftliche E-Mail-Adressen für die Registrierung auf Portalen verwendet werden, die erstens mit dem Geschäftsbetrieb nichts zu tun haben und zweitens die Gefahr von Phishing und Spam erhöhen.

Das Unternehmen Vulidity war bisher auf Wachstumskurs. Christian und Heinz Siegert sowie Bastian Karschat und Fritz Kreutzpointner haben es 2018 gegründet, inzwischen besteht das Unternehmen aus zehn Mitarbeitern. Dieses Jahr stand die Ausweitung auf die DACH-Region an – was wohl gelingen wird, obwohl die Coronakrise die Situation für Vulidity erstmal verschlechtert hat. ″Wir haben etwas weniger zu tun als sonst″, sagt Geschäftsführer Heinz Siegert. Es scheint, als hätten sich die Unternehmen vorerst um andere Dinge gekümmert als um ihre IT-Sicherheit. Der Eindruck von Heinz Siegert ist, dass sich die Situation inzwischen wieder etwas normalisiert und Unternehmen wieder Ressourcen haben, sich auch um nicht ganz akute Dinge zu kümmern. Dass viele Mitarbeiter zurzeit im Homeoffice arbeiten und das langfristig vielleicht sogar vermehrt tun werden, ist aus Sicht der IT-Sicherheit kein Problem, sagt Heinz Siegert. Das Sicherheitskonzept müsste darauf angepasst werden – sei das der Fall, sei die Sicherheit gegeben. Eine Besonderheit, wenn Mitarbeiter zuhause arbeiten, könnte sein, dass sie dort etwas weniger aufmerksam sind, was zum Beispiel Phishing angeht. Ein besonderer Fokus bei der Analyse und Angriffssimulation könnte diese potenzielle Schwäche offenlegen.

Wenn die Kollegin einem Kollegen eine wichtige Information per E-Mail schickt und dann ein paar Tagen oder Wochen vergehen, findet der Kollege diese Information womöglich nur schwer wieder. Zumindest dann, wenn er sich nicht zufällig daran erinnert, nach welchen Schlagworten er in seinem E-Mail-Programm suchen kann. Anderes Beispiel: Ein wichtiges Dokument ist auf dem Firmenserver abgelegt. Allerdings müssen die Mitarbeiter wissen, wo es sich befindet, wenn die Suchfunktion nicht den gewünschten Erfolg bringt. Oder: Eine Excel-Tabelle ist im File-System gespeichert, auch der Ort ist bekannt – allerdings ist sie von unterwegs nicht abrufbar. Diese Schwäche der Informationsbereitstellung in Unternehmen ist eine von mehreren, die Burghardt Garske und sein Mitgründer Ralf Bönning motiviert haben, das Unternehmen humbee zu gründen und das gleichnamige Produkt zu entwickeln. Das Basiselement der Software humbee ist ein Vorgang. Das kann eine Anfrage sein, ein Angebot zu erstellen, eine Reklamationsbearbeitung, eine interne Personalangelegenheit oder der Abschluss eines Vertrags mit einem Lieferanten. Die Kernidee: Bei jedem Vorgang sollen alle verfügbaren und nötigen Informationen an einem Ort gesammelt werden und in der Cloud, also von jedem internetfähigen Endgerät, erreichbar sein. Bei der Erstellung eines Angebots können das zum Beispiel sein: E-Mails mit dem Kunden, Gesprächsprotokolle, Angaben darüber, wer an der Angebotserstellung beteiligt ist, Excel-Dokumente zur Kalkulation sowie Einzelaufgaben, die mit dem Vorgang verknüpft sind.

Humbee ist auf Wachstumskurs, hat 2018 den Innovationspreis-IT der Initiative Mittelstand in der Kategorie Office Management gewonnen. Die Coronakrise hat die Dynamik gebremst. Doch Geschäftsführer Burghardt Garske kann ihr auch etwas Positives abgewinnen, zum Beispiel spart er sich lange Anfahrtswege, um potenziellen Kunden Humbee vorzustellen. Das läuft zurzeit viel über Online-Präsentationen und Webcasts. Auch Schulungen finden online statt. ″Das funktioniert fast besser als Schulungen vor Ort″, sagt Burghardt Garske. Denn so könnten die Beteiligten nach einem Schulungsteil das Gelernte erst einmal ausprobieren, bevor es weiter geht. Bei einer Präsenzschulung ist das kaum möglich, weil die Tutoren nur eine begrenzte Zeit lang vor Ort sein können. Auch für humbee ist Homeoffice ein großes Thema. Denn Mitarbeiter von Unternehmen, die das Humbee-Tool nutzen, haben immer alle nötigen Informationen online verfügbar und an einem Ort, sagt Burghardt Garske. Eine gute Voraussetzung für einen Remote-Arbeitsplatz.

Für jeden Vorgang alle Informationen verfügbar, egal an welchem Ort

Digitale Warteliste für Restaurants – und plötzlich auch für Arztpraxen

Für das Start-up atodo aus Flensburg hat die Coronakrise einiges über den Haufen geworfen. Die ursprüngliche Geschäftsidee war es, Restaurants eine digitale Lösung anzubieten, sogenannte No-Shows zu reduzieren. Das sind Gäste, die zwar einen Tisch reservieren, aber nicht erscheinen und auch nicht absagen. Für Gaststätten ist das inzwischen ein so großes Problem, dass sogar der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband ein Merkblatt herausgegeben hat mit ″praktischen Handlungsempfehlungen, damit Sie auf No-Shows angemessen reagieren können″. Ganz auf Reservierungen zu verzichten hat den großen Nachteil, dass bei gut ausgelasteten Restaurants viele Gäste regelmäßig enttäuscht werden, weil sie keinen Platz bekommen. Womöglich besuchen sie das Restaurant irgendwann gar nicht mehr, weil sie zu oft die Erfahrung machen, dass alle Tische belegt und die Wartezeiten lang sind. Die Idee von atodo: Gäste können sich bei einem spontanen Restaurantbesuch online über den Auslastungsstatus und über Wartezeiten informieren, bis sie einen Platz bekommen können. Auch können sie sich auf eine digitale Warteliste setzen lassen. Das System von Atodo erfasst die aktuelle Auslastungssituation im Restaurant und errechnet so die Wartezeit, sodass spontane Gäste immer wissen, wie lange sie noch warten müssen. ″Im Winter 2019 haben wir mit dem Vertrieb begonnen″, sagt einer der drei atodo-Gründer Arne Reuter, ″immer mehr Restaurants sind Kunden geworden″.

Und dann kam Corona. Von heute auf morgen schlossen Gastronomiebetriebe. Manche Restaurants hatten gar kein Interesse mehr am Produkt von atodo, andere pausierten die Einführung des Systems. Für die atodo-Gründer war klar, dass sie sich etwas einfallen lassen mussten. Die Idee: Das Produkt der digitalen Warteliste bleibt prinzipiell bestehen, es erreicht allerdings andere Kunden – zum Beispiel Arztpraxen. Ärzte werden auch während der Coronapandemie weiterhin besucht, und auch sie mussten Lösungen finden, dass nicht zu viele Patienten auf zu engem Raum im Wartezimmer zusammensitzen. Atodo hat die digitale Warteliste also so angepasst, dass Patienten zuhause oder unterwegs per Smartphone sich darüber informieren können, wie lange es noch dauert, bis sie beim Arzt wirklich an der Reihe sind. Von einer Arztpraxis haben sie erfahren, erzählt Arne Reuter, dass sie auch aufgrund der digitalen Warteliste darauf verzichten konnte, das Wartezimmer räumlich zu erweitern. Inzwischen sind auch die Gastronomiebetriebe wieder als Kunden interessant geworden. Zum einen haben die meisten wieder geöffnet, zum anderen haben sie eine Aufgabe dazu bekommen, bei der Atodo helfen kann: digital dokumentieren, wer wann Gast im Restaurant war – und schnell einen Bericht erstellen, mit dem das Gesundheitsamt etwas anfangen kann.