Aus der Krise lernen und neue Wege gehen

Corona-Krise, Covid-19. Von heute auf morgen mussten Millionen von Menschen aus dem Homeoffice arbeiten, ihre gewohnte Arbeitsumgebung verlassen, wurden zu einer relativen Bewegungsarmut verdammt. Anderen wurde ihre Geschäftsgrundlage unter den Füßen weggezogen, Gastronomen, Veranstalter, Künstler, Hoteliers und viele anderen mehr. Zahlreiche weltweit tätige Konzerne wollen einen Großteil ihrer Mitarbeiter bis auf weiteres im Homeoffice arbeiten lassen. Von zuhause arbeiten ist das Neue Normal für viele, die Kolleginnen und Kollegen sind nur noch virtuell in den zahlreichen Videokonferenzen anzutreffen. Millionen Menschen sind in Kurzarbeit, Hunderttausende haben ihren Job verloren. Der persönliche Kontakt ist viel begrenzter als früher.

Günther Wagner

Unternehmensberater und Coach

Ich beobachte, dass viele Menschen nicht in den Modus geschaltet haben, konstruktiv aus der Krise herauszufinden und die eigene Zukunft zu gestalten. Vielmehr lassen sich sehr viele von der Angst beherrschen. Das ist ja nur zu verständlich, wenn der Job gefährdet oder gar verloren ist oder der Virus einen immer noch erwischen kann, wenn also die persönliche Zukunft unsicher ist. Aber Angst ist ein schlechter Ratgeber“, kommentiert Günther Wagner. Der Unternehmensberater und Coach arbeitet seit Beginn der Corona-Beschränkungen aus seinem Haus im Salzkammergut und kann noch nicht wieder nach Deutschland zu seinen dortigen Kunden und Klienten.

Der Mensch ist nicht nur rationales Wesen, sondern viel mehr noch ein Wesen mit Körper, Geist und Seele. Unter Stress steigt der Wert des körpereigenen Hormons Cortisol, was kurzfristig hilfreich zur Steigerung der Leistungsfähigkeit ist. Ein dauerhaft erhöhter Cortisolwert wirkt sich hingegen negativ aus, führt z.B. zu Schlaflosigkeit. Bewegung hilft, diesen abzubauen. Der Coach kann Menschen in Stresssituationen wie der Corona-Krise helfen, mit Ängsten und Dauerstress zurecht zu kommen. Er kann dem Klienten „ein Ohr schenken“, also zuhören, sich Zeit für dessen Sorgen und Anliegen nehmen. Er ist kein Therapeut, wie Wagner betont, krankhafte Verhalten wie Phobien kann und darf er als Coach nicht behandeln.

Um Menschen zu helfen, aus ihrer persönlichen Krise herauszufinden, gilt es zunächst, den Klienten aus seinem gestressten Zustand wegzuführen. Dafür verwendet der Coach gezielt Gesprächstechniken, mit denen er Denkmuster, in denen der Klient festhängt, unterbricht, um ihn anschließend aus diesen herauszuholen. Eine dieser Methoden ist die ideolektische Gesprächsführung. „Stellen Sie sich vor, Sie machen mit einem Segelboot eine Schifffahrt nach Norwegen, fahren in den Hafen von Bergen vor der prächtigen Bergkulisse ein, kommen am Pier an – und müssen anlegen und die Stadt erkunden, ohne die Sprache oder die Stadt zu kennen. Wie orientieren sie sich, welche Lösungsstrategien entwickeln Sie?“ Wagner beschreibt so diesen Ansatz, bei dem er die Lösungen des Klienten auf einem unbekannten Feld zu kennenlernt, um sich die dabei freigesetzte Kreativität und Offenheit für den eigentlichen Zweck des Coachings zunutze zu machen. Er überträgt die Lösungsmechanismen aus der entspannten gedachten in die aktuelle angespannte Situation und verhilft so dem Klienten dazu, die Lösung aus sich heraus zu finden.

Eine andere Methode dem Klienten aus der Krise herauszuhelfen, ist die Regnose. Dabei geht es darum, ihn zu einem Perspektivwechsel zu bringen, ihn wegzubringen von den, aus der aktuellen Lage herrührenden, düsteren Prognosen der eigenen Zukunft. Dafür wird er aufgefordert, sich drei in die Zukunft zu versetzen.

„Stellen Sie sich vor, Sie sind in drei Jahren im Biergarten am Chinesischen Turm in München. Sie könnten dort wieder in größeren Gruppen unterwegs sein, es gäbe keinen Mundschutz mehr. Wie würden sie sich dieses Bild malen, mit wem wären Sie dort, über welche Themen reden Sie, wie ist das Wetter?“ Diese Szenerie solle der Klient, so Wagner, auf eine vollkommen leere Leinwand malen. Anschließend, wenn das Bild gemalt ist, würden dann beide zusammen, Coach und Klient, den Weg zurück beschreiten, also aus der Zukunft rückwärts schauen, um aus der Imagination einen positiveren Blick auf die und Lösungsansatz für die aktuelle Situation zu haben.

Der Coach zeigt dem Klienten also Wege auf, hilft ihm, die Lösung in sich selbst zu finden, macht ihm Mut, die alten ausgetretenen und teilweise durch die Corona-Maßnahmen zerstörten Pfade zu verlassen und angstfrei(er) die eigene Zukunft anzugehen. Der Fokus dabei liegt immer auch darauf, den Klienten zu stärken, ihn zum Beispiel dabei zu unterstützen, sich über seine eigenen Kernkompetenzen klar zu werden, statt sich wie häufig nur darüber zu ärgern, was er nicht kann.

Dafür braucht es auch den Mut, die bisherige Geschäftsidee in Frage zu stellen, loszulassen und sich auf etwas Neues einzulassen. Wagner berichtet von einigen Kleinunternehmern, die zu seinen Kunden gehören, die jetzt mit ganz anderen Geschäftsmodellen durchstarten. Sie haben erkannt, dass ihr bisheriges Geschäftsmodell in der bisherigen Form am bisherigen Standort nicht mehr funktionieren wird. „Wichtig ist wirklich, sich gerade in der jetzigen Umbruchsituation, unkonventionell an die Herausforderung heranzugehen und bisher gültige Sichtweisen zu hinterfragen und, wenn es sinnvoll erscheint, abzulegen,“ so Wagner weiter.

Beim Thema Mut zu Neuem geht es auch darum, sich einzugestehen, dass Geschäftsmodelle oder Teile davon in der Vergangenheit nicht wirklich geklappt haben und sich dies in der Krise noch verschärft wurde. Die Krise böte aber auch eine Chance, weil die Bürokratie innovative Initiativen nicht mehr wie früher häufig rundherum blockiere. Mit den richtigen Partnern im Netzwerk und der Entschlossenheit zum Handeln, sei gerade in einer Umbruchsituation mehr möglich als zuvor. Er als Coach würde seinen Klienten immer und immer wieder nahebringen, dass sie die Krise generell als Chance nutzen sollten, Neues zu wagen.

Ein positives Beispiel sei ein Kunde, der seinen Markteintritt mit einem vollkommen neuen Produkt im Bereich Umweltschutz mitten in der Krise vorbereite. Sehr früh in der Corona-Krise sei ihm sein altes Standbein weggebrochen. Deswegen habe er schon vierzehn Tage nach dem Beginn der Krise begonnen, auf sein neues Produkt zu setzen, und habe zwei Investoren gefunden. Schon in wenigen Wochen will er dieses neue Produkt ausliefern.

Einen letzten Tipp hat der Coach. Er empfiehlt, einmal in der Woche für eineinhalb Tag digital abzuschalten, das Laptop zur Seite zu stellen und keine E-Mails zu checken, Social Media-Posts zu ignorieren und sich auf das analoge Leben zu konzentrieren. Einen Roman lesen und für sich sein.